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“Armenia, My Love”

Edgar Hilsenrath
zum 100. Geburtstag
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AGBU Germany erinnert an den 100. Geburtstag des deutsch-jüdischen Schriftstellers Edgar Hilsenrath

Berlin / Frankfurt am Main – 2. April 2026

Am 2. April 1926, wurde Edgar Hilsenrath in Leipzig geboren. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden. Ein Anlass an einen deutschsprachigen Schriftsteller zu erinnern, der im deutschen Literaturbetrieb jahrzehntelang ignoriert und verdrängt wurde, und dessen Werk an Relevanz nicht verloren hat.

Als Überlebender der Schoah schrieb Hilsenrath nie, um zu versöhnen oder zu gefallen. Sein erster Roman Nacht (1964) schildert das Leben im Ghetto in einer Sprache, die sich jeder Verklärung verweigert: roh, direkt, schonungslos. Hilsenrath zeigte die Opfer in menschenunwürdigen Extremsituationen, nicht als Märtyrer oder Heilige, sondern in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit als Mentsch und als Menschen. Der deutsche Literaturbetrieb war damit lange überfordert.

Mit Der Nazi & der Friseur (1977) wagte Hilsenrath einen radikalen Schritt und gab dem Täter die Erzählstimme: Ein SS-Massenmörder als Ich-Erzähler eignet sich die Identität seines jüdischen Opfers an, zugleich sein Freund, und beginnt in Israel ein neues Leben. Der Roman ist eine bitterböse, schwarzhumorige Abrechnung mit Täterschaft, Schuld und kollektivem Gedächtnis. Zugleich stellt er eine zutiefst unbequeme anthropologische These auf: Es gibt Menschen, die in jedem System funktionieren. Die entscheidende Frage ist nicht, wer sie sind, sondern welches System ihnen gerade die Uniform oder einen Knüppel gibt.

1989 erschien Das Märchen vom letzten Gedanken, Hilsenraths literarische Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armenierinnen und Armeniern. Der Arbeitstitel Armenia, My Love verrät, was diesen Roman im Kern antreibt: nicht die Anklage, sondern die Liebe zu dem, was vernichtet wurde. In den letzten Gedanken eines Sterbenden entfaltet sich die Geschichte einer ganzen Familie, eines ganzen Volkes. Hilsenrath beschränkt sich nicht auf die Darstellung der Vernichtung, er macht sichtbar, was unwiederbringlich geraubt wurde: Kultur, Sprache, Gemeinschaft, Heimat. Und er erinnert daran, wie in allen seinen Werken, dass jeder einzelne Mensch – sei es ein Junge aus einem Dorf in Anatolien, sei es ein alter Geschichtenerzähler – ein Leben hatte, Träume, Hoffnungen, die gewaltsam ausgelöscht wurden. Am Ende des Romans halten die Nationalsozialisten den Überlebenden des armenischen Genozids für einen Juden. Sie ermorden ihn. Die Botschaft ist unmissverständlich: Genozid ist Genozid. Das Leid kennt keine Grenzen der Zugehörigkeit.

Hilsenrath steht damit in einer bemerkenswerten Traditionslinie jüdischer Autoren im deutschsprachigen Raum, die sich früh dem armenischen Genozid gewidmet haben, lange bevor dies politisch opportun war. Franz Werfel erkannte die Zeichen der Zeit und schrieb Die vierzig Tage des Musa Dagh (1933) als literarische Warnung an die Jüdinnen und Juden Europas; Ralph Giordano schuf die erste deutsche Fernsehdokumentation über den Genozid als politisches und historisches Instrument der Erinnerung. Alle drei sahen den Genozid am armenischen Volk im Kontext ihrer eigenen Verfolgung, der Schoah, und damit als Warnung für den jeweiligen Zeitgeist. Hilsenrath aber richtet den Blick vor allem auf das Verlorene.

Warum ausgerechnet jüdische Autoren? Hilsenrath selbst hat eine Antwort nahegelegt: Wovon kann man schreiben, was man selbst nicht gesehen, erlebt, erfahren hat? – Eben doch. Weil man weiß, wie es sich anfühlt. Weil das Wissen um den eigenen Genozid einen befähigt, das Schweigen um einen anderen zu brechen. Weil Empathie, Sicherheit, Recht auf Leben kein Eigentum ist, sondern eine Verpflichtung.

Edgar Hilsenrath starb am 30. Dezember 2018.

📻 Die Sendung Lange Nacht des Deutschlandfunks Edgar Hilsenrath – “Ich war der Fremde”, ist aktuell in der ARD Mediathek zu hören.

Zepiur Aziz Khani

Gründungsmitglied AGBU Germany e. V.

Headquartered in Berlin, AGBU Germany is the first German Chapter of the New York-based Armenian General Benevolent Union (AGBU), the world’s largest non-profit organization devoted to upholding the Armenian heritage through educational, cultural, and humanitarian programs across the globe. AGBU has an active presence in 32 countries and 75 cities.

AGBU Germany was founded in 2020 in the awareness of its responsibility towards the Armenians in Germany, Armenia, Artsakh, and the Diaspora. Inspired by the unwavering determination of its mother organization AGBU founded in 1906, and in appreciation and recognition of its continuous achievements, the Chapter fits as a German link into the ranks of international AGBU Chapters as well as into the global Armenian nation.

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